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ASA-Fotowettbewerb 2011

„Ich sehe was, was du nicht siehst"

Kategorie „Lernen“

Das Foto zeigt sechs junge Männer, die hochspringen und lachen. Sie sind durch die Bewegung teilweise verschwommen. Foto: Jens Marquardt

15. September 2010 in New Delhi, Indien. Foto: Jens Marquardt.

„Startschuss zum Fotoworkshop 2010 im Shelter Home von Salaam Baalak Trust! Mit dabei: Santosh, Suraj, Nadeem, Rajeev, Ramzan und Aftab. Die ehemaligen Straßenkinder sind nach Delhi gekommen, auf der Suche nach einer Zukunft. Sie alle haben ihre eigene oft unglaubliche Geschichte. So ist Rajeev (4.v.l.) von seinem Vater geflohen, als er zehn Jahre alt war. Die Schule hatte er bis dahin nur ein einziges Mal besucht, um seinen Bruder zu treffen. Er selbst jedoch durfte nicht am Unterricht teilnehmen. So entschloss er sich zu fliehen - auf der Suche nach Arbeit und etwas Geld, um sich Spielzeug zu kaufen. Doch das Leben in Delhi war anders als die verheißungsvollen Geschichten, die er bis zu seiner Ankunft gehört hatte. Und so lernte Rajeev sich auf der Straße durchzuschlagen - mehr als drei Jahre lang, bis er zu Salaam Baalak Trust kam, einer Organisation, die Straßenkindern Unterkunft, Essen, Kleidung und Bildung anbietet. Als Freiwillige haben wir Workshops zu Fotografie und Selbstpräsentation durchgeführt und dabei mindestens genauso viel von den Kids gelernt. Ihre Geschichten und Schicksale waren erschütternd und aufbauend zugleich, manchmal witzig, aber meist unheimlich traurig. Doch ihre Lebenslust und Energie für den Workshop waren sehr beeindruckend, wie auch das Foto zeigt“ (Jens Marquardt).

Drei Personen sind auf der schwarz-weiß Fotografie zu sehen. Ein Jugendlicher fotografiert einen Jungen, der sich auf die Straße gelegt hat und für die Kamera posiert. Ein anderer Junge steht neben dem Fotografen und beobachtet das Geschehen. Foto: Jens Marquardt

18. Septmeber 2010 in New Delhi, Indien. Foto: Jens Marquardt.

„Multimediaworkshop mit 13 Jugendlichen in New Delhi: Ehemalige Straßenkinder konnten zusammen mit den ASA-Teilnehmenden ausprobieren, experimentieren und neue Perspektiven entdecken. Aftab (2.v.l.) und die anderen Jugendlichen erfuhren dabei nicht nur Theoretisches zum Thema Fotografie und Blogging, sondern ließen vor allem in der Praxis ihrer Kreativität und Phantasie freien Lauf. Dabei entstanden einige lebhafte und beeindruckende Fotos, die einzigartige Portraits zeigen und Geschichten erzählen. Die Teilnehmenden der Workshops konnten sich frei ausdrücken und als Freiwilliger bin ich um die Erfahrung reicher, dass es für gute Fotos keines großen theoretischen Grundwissens bedarf“ (Jens Marquardt).

Eine Biene sitzt auf einer Blume. Dahinter ist ein Feld und blauer Himmel zu sehen. Foto: Mareike Felix

23. September 2010 in Los Angeles, Chile. Foto: Mareike Felix

„Es war der letzte Ausflug zu Blaubeerfeldern einer Bio-Farmbesichtigung im Süden Chiles an einem sonnigen Nachmittag. Die Bienensorte, die hier zur natürlichen Bestäubung der Pflanzen genutzt wird, kommt ursprünglich aus Israel und ist 10-mal so produktiv wie herkömmliche Bienen. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass Effizienz auch auf natürliche (nachhaltige) Art und Weise gesteigert werden kann. Insbesondere der Bereich der biologischen Landwirtschaft bietet zukünftig noch reichlich Forschungsfeld“ (Mareike Felix).

Kategorie „Erfahren“

In einer engen Gasse stehen drei Touristen, ihnen gegenüber steht der Guide, der ihnen gerade etwas erklärt. Am linken Bildrand steht ein weiterer Mann. Foto: Jens Marquardt

15. September 2010 in New Delhi, Indien. Foto: Jens Marquardt.

„Sudhir schlug sich einst als Straßenkind durch das Leben in Delhi. Heute ist er Tour Guide eines alternativen Rundgangs durch einen Teil der Stadt. Das Programm nennt sich „City Walk“, und Tag für Tag kommen Interessierte und Touristen, um sich von ihm oder einem anderen Guide nicht nur die Gegend zeigen zu lassen, sondern auch mehr über das Leben und Überleben von Straßenkindern zu erfahren. Sudhir schafft ein Bewusstsein, erklärt, diskutiert und erzählt seine ganz persönliche Geschichte davon, wie er dorthin gekommen ist, wo er heute steht. Für ihn selbst bietet die Tour die Möglichkeit, sein Englisch zu verbessern. Auf dem Foto steht Sudhir mit seiner Gruppe von Touristen vor einer Wand mit einigen Fliesen zu ganz unterschiedlichen Religionen. Wir sehen Jesus, eine Moschee und hinduistische Götter. Aber warum gerade hier in dieser engen Gasse? Die Gruppe rätselt, aber auf die richtige Antwort kommt sie nicht. Früher wurden diese Wände schlicht als öffentliche Toilette genutzt - und das haben die Bewohner mit den Gottheiten schließlich sehr erfolgreich beendet. Dies ist nur eine von vielen Anekdoten, Geschichten und Details, die wir auf dem City Walk erfahren. Vor allem aber sind es die persönlichen Geschichten der Guides, die am meisten beeindrucken“ (Jens Marquardt).

Das Regierungsgebäude in Pristina ist im Hintergrund zu sehen. Davor steht ein Zaun mit Fotos der Vermissten Personen. Foto: Muhamet Idrizi

29. August 2010 in Prishtina, Kosovo. Foto: Muhamet Idrizi.

„Das Bild zeigt das Regierungsgebäude in Prishtina mit den Fahnen der EU und des Kosovo. Die Fotos am Zaun zeigen einige der 1.834 Personen, die seit dem Krieg vermisst werden. Angehörige hängten die Bilder auf, um die Regierung und Institutionen daran zu erinnern, mehr für die Aufklärung der Schicksale zu tun. In meiner Anwesenheit verfolgte mich dieses Thema sehr, da in nächster Zeit der Kosovo und Serbien unter der Anleitung der EU einen Dialog beginnen sollen und der erste Punkt der „technischen Gespräche“ der Punkt der Vermissten sein soll. Immer, wenn ich diese Bilder gesehen habe, wurde ich daran erinnert, dass es um menschliche Schicksale und Familien geht und welche Verfremdung Sprache verursacht, in dem man die Menschen als „technisches Gespräch“ deklariert“ (Muhamet Idrizi).

Kategorie „Bewegen“

Ein indischer junger Mann als Tour Guide erklärt der umstehenden Touristengruppe etwas. Sie stehen auf einer Straße, hinter ihnen ist eine Mauer. Foto: Jens Marquardt

4. November 2010 in New Delhi, Indien. Foto: Jens Marquardt.

„Satender steht inmitten einer Gruppe von Touristen. Er ist Tour Guide des zweistündigen „City Walks“ und führt seine Gäste heute nicht zu den klassischen Sehenswürdigkeiten Delhis, sondern zeigt ihnen das Leben eines hektischen, schnellen und lauten Viertels der Stadt. Hier lebte er einst selbst als Kind, nachdem er von Zuhause geflohen ist. Sein Vater schlug ihn und seine Mutter, und so beschloss er, nach Delhi aufzubrechen. Er fand seinen Weg zur Nichtregierungsorganisation Salaam Baalak Trust, die sich um ehemalige Straßenkinder kümmert, fasste dort Fuß und machte seinen Abschluss. Heute arbeitet er als Tour Guide für die Organisation, um für das Leben von Straßenkindern zu sensibilisieren und ein Bewusstsein für deren Probleme zu schaffen. Damit bewegt er einiges - von spontanen Spenden bis zu langfristigem Engagement von Menschen, die durch den Walk ein Indien erfahren haben, das sie so vorher nicht kannten“ (Jens Marquardt).

Auf einem Feld mit roter Erde und einigen grünen Grasbüscheln laufen fünf Männer in Sportkleidung entlang. Foto: Amimi Peanuts Mlaba

12th October 2010 in Isithumba/Durban, Südafrika. Foto: Amimi Peanuts Mlaba.

„The 12th of October is the day of the event we had been waiting for, for three months. Lack of equipment did not alter us on believing that it was going to be a great event and passionate soccer players on this photo tell the story of this wonderful event“ (Amimi Peanuts Mlaba).

Ein Kleinkind, welches auf den Schultern eines Erwachsenen getragen wird, ist von hinten zu sehen. Auf seinem Rücken ist der „Khadash“-Aufkleber platziert. Foto: Ruth Mosser

10. Dezember 2010 in Tel Aviv, Israel. Foto: Ruth Mosser.

„„Khadash“ (hebr. „neu“) ist das Akronym der einzigen gemeinsamen jüdisch-arabischen Partei im israelischen Parteiensystem. Sie ist im linken marxistischen Spektrum angesiedelt, versteht sich selbst als nicht-zionistische Partei und wirbt derzeit mit dem Slogan, eine „neue Linke zu bauen“. Es gibt einige Gründe, warum ich dieses Bild mit der Kategorie „Bewegen“ in Verbindung bringe. Zunächst einmal denke ich, dass im Falle des Nahostkonflikts die nächste Generation, ausgedrückt durch das auf dem Foto abgebildete Kleinkind, erst wirklich dazu im Stande sein wird, etwas zu bewegen – zwischenmenschlich, die verhärteten Fronten zwischen jüdischen Israelis und Palästinenser_innen aufweichend und hoffentlich überwindend. Dies wird auch durch das Wortspiel des „Khadash“ („NEU“)-Aufklebers auf dem Rücken des Kindes ausgedrückt. Die nächste Generation stellt eine neue Chance dar. Zudem bin ich davon überzeugt, dass nur durch gemeinsame jüdisch-arabische Initiativen wie zum Beispiel „Khadash“ tatsächlich langfristig vorort etwas bewegt werden kann“ (Ruth Mosser).

Kategorie „Ich sehe was, was du nicht siehst“

Ein Hauseingang zu Abend ist abgelichtet. Eine Lampe erhellt das Bild, die Haustür steht offen. Auf dem Boden steht ein geschnitzter Kürbis mit einem erleuchteten Teelicht. Foto: Lisa Wetzel

9. Oktober 2010 in Mitrovica, Kosovo. Foto: Lisa Wetzel.

„Ich sehe was, was du nicht siehst. Du siehst eine kleine heruntergekommene Hütte mit schiefem Dach und spärlicher Ausstattung - Ich sehe Wärme, Gastfreundschaft, ein Zuhause, mit dem auskommen, was man hat, Zeit zum Ausspannen und Zurückziehen, Kennenlernen eines anderen Kulturkreises, ein wenig von mir weitergeben... Das Foto entstand nach einem sehr schönen Tag, den ich mit der Familie meines Projektpartners verbracht hatte. Zwei seiner Tanten und zwei Neffen leben zusammen in diesem Haus in Mitrovica. Von Prishtina haben wir sie des Öfteren besucht. Ich wurde so schnell so unglaublich herzlich aufgenommen, habe mich dort so wohl gefühlt, in dieser Familie, in der ich zunächst fast kein Wort sprechen konnte. Diese Sprachbarriere hat sich eher positiv auf die gesamte Situation ausgewirkt. Unsere Unterhaltungen mit Händen und Füßen brachten so manches Lachen mit sich. Auch die beiden kleinen Jungs habe ich ziemlich schnell ins Herz geschlossen, an diesem Tag haben wir Kürbisse zusammen geschnitzt, das war für die beiden ganz neu. Da ich ihnen ja nicht erklären konnte, was ich vorhatte, saßen sie die gesamte Zeit ganz gespannt neben mir und haben überlegt, was ich wohl mache. Eine der Tanten holte schon einen Kochtopf, da sie dachte, ich wollte eine Suppe machen. Die Situation der Familie und die Offenheit mir gegenüber, hat mich jedes Mal wieder sehr berührt. Heute kann ich mir stundenlang dieses Foto angucken. Dann erinnere ich mich an die wunderbaren 3 Monate zurück, an das, was diese Familie mir gegeben hat, wie ich durch sie das Land und die Kultur kennenlernen konnte, ich denke an unsere Mini-Unterhaltungen auf Albanisch, wie ich einem Cousin beibrachte, auf Deutsch zu zählen, wie wir Hausaufgaben oder Pite zusammengemacht haben, wie gemütlich es dort war und und und... Ich hoffe, dieses Gefühl bleibt für immer vorhanden... und dass ich sie irgendwann nochmal wiedersehe!“ (Lisa Wetzel).

Ein Wachturm, der mit zahlreichen Kameras ausgestattet ist, steht auf einer Art Feld. Im Hintergrund sind Häuser zu sehen. Der Himmel strahlt blau. Foto: Ruth Mosser

25. November 2010, Straße nahe Hebron, Besetzte Palästinensische Gebiete. Foto: Ruth Mosser.

„Ich lerne über die Realität und Praktiken der Besatzung sowie ihre Auswirkung auf die israelische Gesellschaft, die Besatzungsmacht, auf einer Tour mit der israelischen Organisation „Breaking the Silence“. Die Tour führt uns in die Hügellandschaft südlich von Hebron, die von massiver Gewalt der dort ansässigen jüdisch-israelischen Siedler gegenüber der indigenen palästinensischen Bevölkerung geprägt ist. „Breaking the Silence“ wurde 2004 von ehemaligen israelischen Soldaten gegründet, um den traumatisierenden Erfahrungen israelischer Soldaten und Soldatinnen, die in den besetzten palästinensischen Gebieten ihren Militärdienst geleistet haben, eine Stimme in der Öffentlichkeit zu geben. Seit 2004 hat die Organisation über 700 meist anonyme Erfahrungsberichte gesammelt, die die grausame Realität und Praxis israelischer Besatzung aus der Sicht der Befehle ausführenden Soldaten und Soldatinnen dokumentiert. Für mich ist das Bild zugleich Ausdruck von Kontrolle als auch von großer Angst. Die Besatzer_innen verstecken sich in einem festungsgleichen Turm, dessen zahlreiche Kameras wirken als sei dieser bis zu den Zähnen bewaffnet. „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – die Besatzung traumatisiert nicht nur die Besetzten, sondern auch die Besatzer_innen“ (Ruth Mosser).

Ein Mädchen mit langen dunklen Haaren trägt eine Brille, die ihr zu groß ist. Foto: Thomas Moritz

24. Dezember 2010 in Tondo/Manila, Philippinen. Foto: Thomas Moritz.

„Unser Projekt war längst beendet, aber ich war neugierig, wie denn der Heiligabend rund um den „Smokey Mountain“ gefeiert wird. Außerdem gab es mir die Möglichkeit, kleine Geschenke an einige Familien zu verteilen, die wir im Laufe unseres Praktikums sehr schätzen gelernt hatten. Begleitet wurde ich von Freunden, die ebenfalls in der EZ arbeiten. Einer von ihnen trug eine recht extravagante Brille, die den Kindern zu gefallen schien. Manche fanden sie nur lustig, manche verbanden mit einer Brille auch Intelligenz und Bildung, die sie sich vom Unterricht in unserer Schule erhoffen. Fakt war, dass sie jeder einmal aufsetzen wollte. Dabei entstand dieser Schnappschuss von einer unserer Schülerinnen, der mich immer an Weihnachten 2010 in Manila bzw. mein ASA-Praktikum erinnern wird“ (Thomas Moritz).